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In der siebziger Jahren wurden regelmäßig in der ZEIT eine Handvoll
Aphorismen eines - damals schon verstorbenen - polnischen Autors, Stanislaw
Jerzy Lec veröffentlicht, es war die Zeit der beginnenden offenen,
freundlichen Ostpolitik. Sie warfen ein eigentümliches Licht auf einen
stalinistisch geprägten polnischen Staat von Polizisten beherrscht,
mit dem seltsamen, beklemmenden Anspruch, das Denken kontrollieren zu wollen.
Die Übersetzung von Karl Dedecius wirkte sehr päzise, auch wenn
mir mangels polnischer Sprachkenntnisse ein direkter Vergleich nicht
möglich war.
Es waren Aphorismen wie:
Aus einer Reihe von Nullen macht man leicht eine Kette.
Auch die Stimme des Gewissens macht einen Stimmbruch mit.
Die Macht wechselt häufigiger von Hand zu Hand als von Kopf zu
Kopf.
die mich fesselten. Später fand ich eine kleine Sammlung, die
"Letzte unfrisierte Gedanken" hieß, ein kleines,
gelb broschiertes Bändchen im Hanser Verlag.
Mich begeisterte die knappe Präzision des Ausdruckes. Jede Sentenz enthielt
eine knapp erzählte Geschichte. Man fühlte das Umfeld, ahnte die
Hintergründe. Manchmal gab es anfangs ein kleines Lächeln beim
Lesen und vieles paßte zu meinem persöhnlichen Leben. Wem ist
nicht ähnliches widerfahren wie:
Immer wird es Eskimos geben, die den Eingeborenen von Belgisch-Kongo
Verhaltensregeln für die Zeit der großen Hitze geben werden.
ist das nicht genau das, was jedem immer wieder begegnet? Kann man das knapper
ausdrücken ?
Dabei sind diese Aphorismen frei von Zynismus. sie enthalten einfache
Wahrheiten, gar nicht so leicht in dieser präzisen Schlichtheit zu
formulieren.
Später gab es noch die "allerletzen unfrisierten
Gedanken" und andere Kompilationen aus dem deutsch übersetzem
Werk.
"Alle unfrisierten Gedanken" begleiten mich am
Arbeitsplatz und sind eine angenehme Grundbesinnung nach dem täglichen
Wust an Publikationen und schriftlichen Äußerungen, die über
mich am Arbeitsplatz hereinbrechen. Es ist dann ein sinnlicher Genuß,
knappe, präzise und doch inhaltsvolle Aphorismen lesen zu können.
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